

Festtafel im Logenhaus

Warum eigentlich wird ein Mann Freimaurer?
Ein Versuch zu Fragen und Antworten
von Günther Käckenhoff
„Erkenne Dich selbst. Gehe in Dich. Ändere Deinen Sinn. Arbeite an Deiner Vervollkommnung zu größerer Mitmenschlichkeit. Nutze Deine Chance, die Dir durch Deine Gotteskindschaft und durch die Gemeinsamkeit in einer Bruderschaft gleichausgerichteter Männer gegeben wird. Und: Laß' Deine Familie, laß' Deine Partner in Beruf und Gesellschaft spüren, daß Du anders geworden bist, als Du es warst.“Freimaurer sind nicht so verbohrt, zu behaupten, dieses Ziel könne man nur als Mitglied einer Freimaurerloge erreichen. Eine solche Behauptung wäre auch aus objektiver Sicht schnell zu widerlegen. Schon Gotthold Ephraim Lessing, der 1771 Freimaurer wurde, sagte in seiner 1778 veröffentlichten Schritt „Ernst und Falk“, Freimaurerei sei immer gewesen. „Die Freimaurerei ist nichts Willkürliches, sondern etwas Notwendiges, das im Wesen des Menschen und der bürgerlichen Gesellschaft gegründet ist.“ Für Lessing war Ernst ein Bruder Freimaurer und Falk ein auskunftsbegehrender Freund.
Freimaurer - warum eigentlich?
Lassen wir Lessing. Lassen wir die mit Sorgfalt und mit Vorsicht formulierten Antworten, die in unseren (eigenen) der Öffentlichkeit zugänglichen Schriften enthalten sind. Informationen aus anderen Quellen sind in den Büchereien in großer Zahl zu finden. Der Autor dieses Versuchs ist Freimaurer. Vier Jahre nach seiner Aufnahme in eine Loge christlichen Freimaurerordens, der Großen Landesloge der Freimaurer von Deutschland, beantwortete er die Frage so; und davon ist nichts zurückzunehmen: „Vor etlichen Jahren war ich ins Gespräch gekommen mit einem Manne, der bereit war, mit mir die Frage zu erörtern, warum wohl die Entdeckung des Unbewußten durch C.G. Jung zeitgleich sei mit dem Verlust der religiösen Dimension. Und dieser Mann, Jahrzehnte älter als ich, konnte mir Anhalt dafür geben, wie ich mich befreien könnte aus der Bewusstseinshaltung des Kollektivs, aus der Abhängigkeit von Werturteilen anderer Menschen … durch das Streben nach Selbsterkenntnis, als Voraussetzung für das, was Jung die Individuation nennt. Mehrere Jahre hatten wir miteinander gesprochen, und mir war dabei nicht bewusst geworden, daß ich es mit einem Freimaurer zu tun hatte. Bis dieser Mann mir eines Tages sagte, er werde mir den Weg zur Freimaurerei öffnen, wenn ich das wolle. In der Loge fand ich dann Männer ganz unterschiedlicher Herkunft und Berufe, sie hatten zudem ganz verschiedene Konfessionen. Auch ihre politischen Meinungen schienen zu differieren, obgleich letzteres schwer erkennbar wurde, weil parteipolitische Diskussionen in den Freimaurerlogen ausgeschlossen sind. Ich stellte fest: Jene Männer, die sich Brüder nannten, waren einander so verbunden, wie ich es nur unter ganz engen Freunden kannte; und sie vermittelten mir, daß sie ihre Brüderlichkeit auf ein gemeinsames Erleben begründeten.“Erleben?
In einem Lexikon heißt es: „Der Bund der Freimaurer ist ein symbolischer Mysterien-Männerbund mit ethischem Inhalt.“ Eine Definition, die so treffend wie verpflichtend ist; wir Brüder Freimaurer bemühen uns, das Ziel zu erreichen, und nicht immer ist das Bemühen von Erfolg gekrönt. Auch für uns gilt das Wort von Christian Morgenstern, „es ist schmerzlich, einem Menschen seine Grenze anzusehen.“In der Freimaurerei gibt es Lehrlinge, Gesellen und Meister, so wie in jedem ordentlichen Handwerk; allerdings: Je länger ein Mann sich in der, wie wir sagen, „Königlichen Kunst“ übt, desto deutlicher wird ihm, dass er nie ausgelernt haben wird. Immer wieder ertappt er sich dabei, die Risse und die Scharten an seinem Selbst nicht genügend bearbeitet zu haben.
Arbeit nennen die Freimaurer ihre rituellen Zusammenkünfte in ihrem Versammlungsraum, dem Tempel. Sie dient dem Freimaurer dazu, den Erkenntnisprozess in enger Gemeinschaft mit seinen Brüdern zu durchleben. Dieser innere Prozess, der immer wieder neu angestoßen wird, ist das eigentliche „Geheimnis“ der Freimaurerei, über das so viel gerätselt wird. Alles andere ist äußerlich und deshalb literarisch längst festgehalten. Freimaurer wird man nicht durch Beitritt zu einer Loge. Freimaurerei ist eine Lebenshaltung, deren Ziel erst durch langes Bemühen erreicht werden kann. Aber auch hier ist der Weg noch wichtiger als das Ziel!
Das Ritual und die Symbole entstammen dem Brauchtum der Steinmetzbruderschaften; sie gehen indessen auf die noch viel älteren Elemente antiker Mysterienbünde, der Kabbala, der Gnostiker und vor allem des Christentums zurück. Für die Große Landesloge der Freimaurer von Deutschland (GLLvD), den christlichen Freimaurerorden, hat letzteres eine besondere Bewandtnis:
Die Ordensfreimaurer sind Teil der Weltbruderkette von rund sechs Millionen Männern, bei deren Arbeiten die beim Johannes-Evangelium aufgeschlagene Bibel gemeinsames Gesetz ist; die deutschen Ordensfreimaurer, die nach dem „Schwedischen System“ arbeiten, sehen hier jedoch nicht nur eine Symbolik. Der Orden setzt den Glauben an Gott voraus. Die Lehrart der Großen Landesloge der Freimaurer von Deutschland ist auf Christentum gegründet.
Der schottische Pfarrer James Anderson verfasste 1722 ein Manuskript, das 1723 als die „Alten Pflichten“ zur ersten Verfassung der englischen Freimaurer wurde. Sie gehört zu unserer Geschichte. Darin wird auch das Verhältnis der Freimaurer zu Gott und der Religion wie zum Staat geregelt. Freimaurer „sollen … gute und redliche Männer sein, von Ehre und Anstand, ohne Rücksicht auf ihr Bekenntnis oder darauf, welche Überzeugung sie sonst vertreten mögen. So wird die Freimaurerei zu einer Stätte der Einigung und zu einem Mittel, wahre Freundschaft unter Menschen zu stiften, die einander sonst ständig fremd geblieben wären.“ Und: „Der Maurer ist ein friedliebender Bürger der Staates, wo er auch wohne oder arbeite.“
In der Ordensregel der Großen Landesloge der Freimaurer von Deutschland heißt es:
„Der Freimaurer-Orden verlangt von jedem Mitglied ständige Arbeit an der Ausbildung seiner Persönlichkeit. Die Mitglieder des Freimaurer-Ordens sind verpflichtet, sich nach Kräften zu bemühen um die Verwirklichung der Menschenrechte und der Menschenwürde sowie des Friedens und der Eintracht in der Welt.“
Und:
„Die Lehrart der Großen Landesloge ist auf das Christentum gegründet. Unter Christentum ist nicht die Zusammenfassung bestimmter Glaubensartikel zu verstehen, sondern die Lehre Jesu Christi, wie sie in der Heiligen Schrift enthalten ist. Die Bibel ist die unerschütterliche Grundlage unserer Ordenslehre; sie ist die Hauptquelle unseres Bekenntnisses, unser höchstes auf dem Altar liegendes maurerisches Licht.“
Mit anderen Worten: Wir verstehen das Bekenntnis zu Gott dogmenfrei; und wie in der Vergangenheit so sind auch jetzt unsere Brüder nicht nur katholische wie evangelische Christen - Gemeindeglieder wie auch Pfarrer -, sie sind häufig aber auch Männer, die sich zum Christentum bekennen, ohne das durch Entrichtung der Kirchensteuer zu dokumentieren. Niemand wird gefragt, wie sein Verhältnis zu einer der christlichen Glaubensgemeinschaften geregelt ist. Die Brüderlichkeit bedeutet Toleranz, Duldung; das hindert aber nicht daran, das Anerkennen der Ordensregel als unbedingtes Gesetz zu verlangen. Das und die Verschwiegenheitsverpflichtung mögen der Grund dafür sein, dass der Freimaurerei das Odium des Geheimbundes angehängt worden ist; das aber ist Unfug, sei er nun aus Gründen der Unkenntnis, sei er in übler Absicht erzeugt. Die Freimaurerei pflegt die Verschwiegenheit, weil sie sie auch als Training der Selbstbeherrschung ansieht. Die Kunst zu schweigen ist vielen heutigen Menschen genauso verloren gegangen wie die des Zuhörens. Dem Schweigen unterliegt nicht nur die Kenntnis von Zeichen und Passworten, nein, auch das was ein Bruder dem anderen anvertraut, fällt darunter.
Die Zeichen und Symbole haben zwar heute nur noch historischen Wert. Aber sie sind Teil unserer Geschichte; und deshalb werden wir sie nicht aufgeben. Das gilt auch für unsere „Werkzeuge“, die wie die Zeichen und Passworte aus den Steinmetzbruderschaften übernommen sind. Wichtigstes Werkzeug ist die Maurerkelle: Mit ihr sollen wir an uns selbst, die wir uns als ein Stein für den Bau des Tempels Gottes verstehen, symbolischerweise die Unebenheiten glätten, von denen keiner frei ist. Wer als Außenstehender diesem Gedanken folgt, wird auch die Symbole des Winkelmaßes und des Zirkels begreifen, die er im Siegel unseres Ordens findet: Sie sind Werkzeuge, die für einen ordentlichen Bau unbedingt nötig sind. Johann Wilhelm Kellner v. Zinnendorf stiftete am 27. Dezember 1770 die Große Landesloge der Freimaurer von Deutschland zu Berlin. Der Generalstabsmedikus und damit höchste Sanitätsoffizier des preußischen Heeres war in seiner Vaterstadt Halle Freimaurer geworden.
Nach ihm ist die von den Freimaurern getragene Einrichtung in Hamburg benannt, die schwerstbehinderten jungen Menschen eine ihnen gemäße Wohnung und Pflege gewährt. Die Zinnendorf Stiftung ist in Deutschland bisher einmalig. Ihr sollen aber weitere folgen. Pastor Hartwig Lohmann, der ehemalige Ordens+Meister und Vorsitzende der Zinnendorf Stiftung, sagte: „So wie in Hamburg wollen wir auch in den neuen Bundesländern schwerstbehinderten Jugendlichen zu einem ihnen gemäßen und betreuten Zuhause verhelfen.“ Das wird dem Orden und seinen Mitgliedern Kraft und viel Bereitschaft zu praktizierter Sozialverpflichtung abverlangen. Indes: Der Sinn der Maurerischen Arbeit ist ja auf die Gesellschaft gerichtet; das jedoch nicht in politischer Beziehung, sondern durch das Bewusstmachen mitmenschlicher Verpflichtung.
Die großen Namen in der Geschichte der Freimaurerei werden denn auch nicht als personifiziertes Public Affairs-Bemühen verstanden; sie sollen hier nur unterstreichen, dass Freimaurerei immer auch Arbeit in und an der Gesellschaft war: Mozart, Haydn, Fichte, Goethe, Claudius, Herder, Lessing, Friedrich II., Freiherr vom Stein, Scharnhorst, Wieland, v. Ossietzky, Tucholsky, Stresemann, Steuben und George Washington waren Freimaurer.
Freimaurer wollen auch etwas bewegen. Doch sie verstehen die Aktivitäten im, wie sie sagen, profanen Leben lediglich als Ausfluss einer gewonnenen Geisteshaltung einzelner. Wer indes glaubt, durch die Mitgliedschaft in einer Loge materielle Vorteile zu gewinnen, wäre auf dem Holzweg: Genau das ist nicht das Ziel der Bruderschaft. Hilfe zu einem geistig erfüllten Leben - das umschreibt im Verständnis des Ordens in knapper Form das Ziel. Die Verbindung zu sechs Millionen Brüdern auf der ganzen Welt kommt gewissermaßen als wohltuende Draufgabe hinzu.
